Gastartikel „Schreiben in sozialen Berufen: Eine Kernaufgabe“

 Gastartikel von Helen Knauf vom Blog „Kinder – Rund um die frühkindliche Bildung“

  • Studie von Katja Klaus-Ilienko (TH Nürnberg)
  • Befragung von Menschen, die in der Sozialen Arbeit tätig sind macht hohen Stellenwert des beruflichen Schreibens deutlich
  • Viele Berufstätige fühlen sich für diese Aufgabe jedoch nicht gut vorbereitet

Der Alltag von Berufen im sozialen Bereich – ob in Kita, Wohngruppe oder in der Beratungsstelle – ist von zwischenmenschlicher Interaktion geprägt. Viele Studierende entscheiden sich deshalb für ein Studium der Sozialen Arbeit, weil sie hilfebedürftige unterstützen und begleiten möchten, weil sie im direkten Kontakt mit Menschen die notwendigen Hilfen geben möchten. Das Studium ist bei dieser Motivation dann für viele eine Enttäuschung: „Ich will was mit Kindern machen und jetzt muss ich bergeweise wissenschaftliche Abhandlungen lesen – und schreiben!“ – so könnte die Klage von Studierenden lauten. Doch genau dieses Schreiben (und Lesen) gehört zum Kern gerade der Berufe im sozialen Bereich! Zu diesem Ergebnis kommt eine Befragung von rund 250 Praktiker*innen aus den verschiedenen Feldern der Sozialen Arbeit, die Katja Klaus-Ilienko (TH Nürnberg) durchgeführt hat. Anfang Dezember war sie als Referentin zu Gast bei uns an der Hochschule Fulda und stellte Studierenden und Lehrenden ihre Forschungsergebnisse vor. Die von ihr befragten Berufstätigen machen deutlich, dass berufliches Schreiben eine ihrer Haupttätigkeiten im Arbeitsalltag ist und größtenteils etwa die Hälfte der Arbeitszeit einnimmt. Deswegen sehen die Befragten Schreibkompetenz auch als wichtig für ihre Karriere an.

Der hohe Stellenwert des Schreibens entsteht jedoch nicht nur durch die quantitative Bedeutung, sondern auch dadurch, dass mit den geschriebenen Texten eine hohe Verantwortung einhergeht: Von den Anträgen, Stellungnahmen, Berichten und Konzepten hängen oftmals wichtige Lebensentscheidungen von Klient*innen ab.

Studierende merkten in der anschließenden Diskussion kritisch an, dass die viele Zeit, die für Schreibarbeiten verwendet wird, doch von der eigentlichen Tätigkeit mit den Klient*innen abhalte. In der Diskussion merkte vor diesem Hintergrund Amata Schneider-Ludorff, Leiterin der Schreibwerkstatt an der Hochschule Fulda, dass die Schreibtätigkeit eben auch ein wesentlicher Teil des Helfens sei.

Adressaten der Texte, die in der Sozialen Arbeit geschrieben werden, sind einerseits Kolleg*innen, Vorgesetzte und Kooperationspartner*innen, andererseits aber auch die Klient*innen. Und gerade darauf fühlen sich nach den Ergebnissen der Studie viele Absolvent*innen des Studiums der Sozialen Arbeit nicht gut vorbereitet: 34% fühlen sich unsicher beim Schreiben von Texten, 61% wünschen sich eine Weiterbildung in diesem Bereich.

Die Forschungsergebnisse von Katja Klaus-Ilineko können auch dem Nachdenken über Bildungsdokumentation in Kindertageseinrichtungen noch einmal neue Impulse geben. Auch wenn mir die Teilhabe von Kindern an der Dokumentation ein wichtiges Anliegen ist und Fachkräfte oft einfach auch ein Sprachrohr der Kinder sein können – am schreibenden Begleiten der Bildungsprozesse von Kindern geht kein Weg vorbei! Auch Fachkräfte in Kindertageseinrichtungen müssen das Schreiben wertschätzender und gleichzeitig präziser Texte über die Bildungswege von Kindern erst lernen.

2 Kommentare

  1. „Am schreibenden Begleiten der Bildungsprozesse von Kindern geht kein Weg vorbei!“ – Diese Aussage bezweifle ich in ihrem Absolutismus, denn ich habe mir schon viele Bildungsdokumentationen angesehen. Auch frage ich mich, wie der nächste Satz verstanden werden soll.
    „Auch Fachkräfte in Kindertageseinrichtungen müssen das Schreiben wertschätzender und gleichzeitig präziser Texte über die Bildungswege von Kindern erst lernen.“
    Das, was üblicherweise als „wertschätzend“ gilt, ist meiner Meinung nach zu sehr an dem orientiert, was erwartet wird und Präzision wird ja wohl eher nicht gewünscht. Was wäre los, wenn Erzieherinnen anschaulich beschreiben würden, wie ein Krippenkind, nachdem es aufgehört hat zu weinen, auf dem Boden hockend monoton ein Auto nur hin- und herschiebt? Wird das Kind von hinten fotografiert, lässt sich wertsch(w)ätzend „beschreiben“, dass das Kind gespielt habe… Das wirkt beruhigend auf Eltern und löst keine weiteren Fragen aus. Insbesondere in privaten Kitas würden Fachkräfte ihre Stelle riskieren, wenn sie dokumentieren würden, welche Kundenkinder nach ihren Beobachtungen besser früher abgeholt und/oder nicht krank in die Einrichtung gebracht würden.
    Eltern machen die Erfahrung, dass über Geschwister, die sehr verschieden sind, zwar unisono wertschätzend geschrieben wird, die Aussagen über die Lernfortschritte der Kinder aber derart schablonenhaft wirken, dass unterm Strich ein „altersentsprechend normal entwickelt“ rauskommt. (Mit oder ohne Glitzer drauf…)

    Erzieherinnen, die mit Krippenkindern in gebückter Haltung „Ich-Bücher“ erstellen, geben den Kindern durch die Momente der Zweisamkeit zwar mehr Zuwendung, aber sie ruinieren sich dadurch langfristig ihren Rücken. Solange der Personalmangel ohnehin nicht zulässt, dass Fachkräfte das umsetzen können, was andere versprochen haben, wäre es besser, die Dokumentationspflichten der Erzieherinnen, Kinderpflegerinnen und sozialädagogischen Assistenten würden sich auf Missstände in den Einrichtungen beziehen. Würden diese behoben, wäre das ein Fortschritt in die richtige Richtung. Ein längst überfälliger Fortschritt, denn das versprochene Bundeskitaqualitätsgesetz wurde immer noch nicht geschaffen.

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